Weltveränderung in Echtzeit
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Olaf Schubert – die ganze Wahrheit
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Er ist der stolze Gewinner der St. Ingberter Pfanne und des Stuttgarter Besens. Zum Beweis dafür, dass Kabarettpreise nicht bloß zur Komplettierung des Haushalts taugen, erhielten Olaf Schubert und sein neuestes Programm „Boykott“ in diesem Jahr den begehrten Salzburger Stier, ein Tier, das „für vorbildliche Leistungen im Dienste des Frohsinns verliehen wird.“ Da liegt im Falle Schubert allerdings ein Irrtum vor, den es aufzuklären gilt – ernsthaft.
Wo also anfangen? Vielleicht mit der Meeresbiologie. Hätten nicht irgendwann ein paar Mehrzeller das Wasser satt gehabt, wären sie nicht an Land gekrochen, hätten nicht gehen und sprechen gelernt ... dann gäbe es heute nicht so etwas Komplexes und Faszinierendes wie einen Betroffenheitslyriker. Einen was? Genau. Olaf Schubert, ehemaliger Fußpfleger und Meeresbiologe, singt an der Problemfront. Zu seinem umfassenden Repertoire gehören kleine, große und mittlere Probleme, „ja, auch mittlere, das machen nur die Wenigsten.“ Warum für ihn der „Alterungsprozess des Individuums“ in die letzte Kategorie fällt, braucht man wohl niemanden zu fragen, der auf Anhieb drei mögliche Geburtsjahre nennen kann. „1964 war es jedenfalls nicht, dann wäre ich ja vierzig ... nein, das war es nicht.“
Als so gut wie bewiesen gilt hingegen die Tatsache, dass das Dresdner „Wunder im Pollunder“ in den 80ern den Schritt auf die Bühne wagte und dort zweifach Fuß fasste – für Leute ohne nennenswertes Taktgefühl empfehlen sich eben Schlagzeugspiel und Kabarett im gleichen Maße. Schubert kauderwelscht sich, mehr oder weniger melodisch, durch den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Kein Thema ist ihm zu heikel, ob Selbstmord, internationaler Terrorismus oder gar Frauen ... „Die Frau von heute möchte nicht immer nur geben, sie möchte auch genommen werden“, sinniert der Kenner des weiblichen Geschlechts. Seine zeitlos grausame Strickmode hat ihm zwar bis heute keinen Platz unter den zehn erotischsten Männern Deutschlands verschafft, aber nach eigener Aussage kann er „auch mit dem elften Platz gut leben.“
Und das Schlagzeug? Die musikalischen Mittäter? Dekadance? „Nein, das ist mein Bruder, Gabi Schubert, meine Schwester, wollte ich sagen ...“ Der Künstler kommt ins Schleudern. Schon verständlich, wenn man mit blonder Perücke und Strumpfhosen im Internet abgelichtet ist ... Dann kanner so was ebn ni mer mach’n! Näher Interessierte sollten sich zur Aufklärung besser den Dekadance-Film anschauen, der ja noch ab und zu öffentlich gezeigt werden darf, nachdem er im Arteum eine begeisterte Premiere feierte. Auch ein Werbespot mit Dekadance wurde im Waldschlösschenareal gedreht.
Alternativ dazu verschafft ein Konzertbesuch tieferen Einblick in die Problematik Gabi Schubert. Ominöse Hinweise führen zu einem weiteren Bruder, Micha Rock von den Rockys, über den allerdings nur Gutes im Netz zu lesen ist. Laut zuverlässigen Umfrageergebnissen gilt er als der verständnisvollste und musikalischste Rocky, vorzügliche Eigenschaften für ein Bandmitglied. In diesem Zusammenhang soll übrigens nochmals betont werden, dass die Rockys nicht etwa Coverversionen bekannter Songs zu Gehör bringen, sondern heimtückisch ihrer Originale beraubt wurden. Den glaubhaften Beweis dafür müssen sie leider schuldig bleiben.
So viel zur skandalösen Familie, kann ja jedem passieren. Aber da ist noch die finstere Seite des Olaf Schubert selbst, oder sollte man ihn jetzt lieber Knecht Matti nennen? Gelegentliche verbale Grausamkeiten im Dienste seines Meisters Cliff Polpott alias Klaus Weichelt streitet er jedenfalls nicht ab. Doch zu seiner Verteidigung: wer dem Namen des gemeinsamen Programms – Mumpitz Spassmolator meets Elektroobst – keine subtile Warnung entnehmen kann, der hat es nicht anders verdient. Beim zweistündigen Nonsensdialog leert sich das Hirn des unschuldigen Zuschauers ebenso schnell und geheimnisvoll wie diverse Rotweinflaschen und Zigarettenschachteln auf der Bühne. Am Ende manifestiert sich das Gefühl eines geistigen Totalausfalls, und worüber man gerade Tränen gelacht hat, bleibt ein Mysterium. Gelacht? Der Lyriker schaut betroffen. Also wurde seine Leere, äh Lehre, wieder einmal völlig fehlinterpretiert.
Wenn der unermüdliche Mittler zwischen Kunst und Sozialabbau gerade mal nicht zum Boykott der Plattenindustrie, zum Falschausfüllen von Formularen oder zur Gründung eines Mineralölkonzerns aufruft, frönt er seinen Hobbies – Busfahren und Alkohol trinken, das darf bedenklich stimmen, zumindest, wenn beide Freizeitaktivitäten zeitgleich betrieben werden. Harmloser, aber auch aussichtsloser ist Schuberts Streben, sich an Bassist Tom Götze vorbei auf Platz eins der dekadance-internen Tennisrangliste zu spielen.
Zu guter letzt ein Blick in die Zukunft, Vorfreude ist schließlich die schönste Freude. Traditionsgemäß gibt es auch in diesem Jahr wieder das berüchtigte Krippenspiel. Die weihnachtliche Botschaft wird an strategisch günstig gelegenen Plätzen der Republik, unter anderem in der Scheune Dresden, der Leipziger Moritzbastei und dem Tränenpalast Berlin, ans ungeduldig wartende Volk verkündet. Olaf Schubert ist wieder Jesus Christus und die üblichen Verdächtigen von Jochen Barkas bis Bert Stephan fehlen natürlich auch nicht. Den Mittelpunkt des Geschehens, so viel kann schon verraten werden, bilden ein verseschmiedender Jesus, die Dichtkunst im allgemeinen und eine kaputte Fahrbibliothek. „Außerdem geht es auch um Religion. Glaube ich. Ein bisschen.“
Im März 2005 erscheint dann, versprochen, eine CD mit neuen Hördialogen für alle, die von Tiefsinn á la „Ihr Konto ist voll, da geht nichts mehr drauf!“ einfach nicht genug bekommen können.
Programminfos, Hörbeispiele sowie Verweise auf die musikalischen Geschwister Gabi und Micha unter www.olaf-schubert.de
Text: Ina Sühn | Foto: PR
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