Matthias Griebel, Dresdens Stadtmuseumsdirektor a.D., hat vollauf zu tun
Von wegen beschauliches Pensionärdasein. Da ist nichts mit behaglichem Zurücklehnen. In der Regel sitzt „Matz“, wie ihn Freunde nennen, schon früh morgens an seinem Schreibtisch und arbeitet das ab, wozu er während seiner Amtszeit im Stadtmuseum zwölf Jahre lang nicht gekommen ist. In erster Linie geht es um die gründliche Sichtung des künstlerischen Nachlasses seines Vaters Otto Griebel, dem bekannten Maler der Dresdener Sezession, der übrigens auch ein ausgezeichneter Akt-Maler war. Das sagt Griebel nicht ohne Stolz auf den Vater, dessen Lebenserinnerungen „Ich war ein Mann der Straße“ er mit herausgegeben hat: Zum ersten Mal hat er für sein umfangreiches Privatarchiv in seiner Einliegerwohnung im Torhaus der Humaine-Klinik in Oberloschwitz auch ein geräumiges Arbeitszimmer. Aus dem alten Fährhaus an der Elbe ist er schon vor Jahren weggezogen, der Elbblick ist geblieben – nur eben von der Loschwitzer Höhe, als Nachbar von Prof. Hans Nadler, dem Nestor der sächsischen Denkmalpflege. Ein Weitblick ins Elbtal, um den ihn seine Gäste beneiden: Erzgebirge und Windberg, auch ein Ausschnitt der Sächsischen Schweiz sind in der Ferne zu erkennen. Zuweilen reitet ihn der Teufel und der Schalk sitzt ihm in den Augen, wenn er zum Beispiel während des Elbhangfestes als verkleideter Quacksalber mit feuerroter Perücke (nur der Bart ist echt!) Rezepte und Tinkturen zum besten gibt, so dass die Leute nicht mehr wissen, was nun Dichtung oder Wahrheit ist. Oder können Sie sich vorstellen, wie er den Kochlöffel schwingend Hausmacherkost serviert, die er vorher mit allerlei Schnurren garniert, vor aller Augen zubereitet hat und sich diebisch darüber freut, wenn es den Leuten schmeckt und sie dafür gern für einen guten Zweck in die Tasche greifen. So geschehen für den Wiederaufbau der Loschwitzer Kirche. Dafür fährt er sogar gelegentlich bis München oder Hamburg. Diejenigen, die ihn einladen hofieren das Dresdner Original und wandelnde Geschichtslexikon wie einen Star. Seine Phantasie kennt keine Grenzen. Bei einem Elbhangfest grüßte er doch leibhaftig mit wehendem Federbusch auf dem Helm als Landesvater König Albert aus der Kutsche (Foto) huldvoll die Untertanen, die ihm zujubelten. Seine Lust zu Verwandlungen nehmen gelegentlich mephistophelische Züge an.
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Matz Griebel in seinem Element – beim Dresdner Elbhangfest als König Albert.
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Bestimmte Ehrenämter sind ihm geblieben, so als Vorstand im Landesverein Sächsischer Heimatschutz (bekannt durch die Herausgabe der grünen Hefte, die nach der Wende wieder erscheinen durften), als Vizepräsident des Deutschen Bundes Heimat und Umwelt und nicht zuletzt im Vorbereitungskomitee „Dresden 2006“, welches sich mit dem Stadtjubiläum beschäftigt. Zurzeit ist seine Stammkneipe, der „Körnergarten“, wegen der Hochwasserschäden geschlossen. Man weiß sich zu helfen und verlegte den freitäglichen Stammtisch kurzerhand in einen Hausgarten am Körnerplatz. „Das wäre mir im benachbarten alten Fährhaus ebenso ergangen – nicht auszudenken, wenn meine Bücher nass geworden wären“, bemerkt er nachdenklich. Nicht zuletzt gehört Matz dem Rundfunkrat des Mitteldeutschen Rundfunks an, und um dem Aufzählen eine Ende zu machen: Viele Institutionen bitten ihn um Vorträge – einen wird er „Rund ums Bier“ anlässlich des fünften Geburtstages des Brauhauses am Waldschlösschen halten. Zum vergangenen Elbhangfest, das an die Tradition der Naturheilkunde erinnerte, führte er durch Wachwitz und bot viel Wissenswertes zum Thema „Rund um die Kartoffel“ auf dem Gelände der Wollner-Villa. Besonderes Erkennungszeichen ist dann ein schräg aufgesetztes Krönchen, mit dem er manche Narretei vollbringt. Mit seinem unerschöpflichen Ideenreichtum gibt er dem Elbhangfest seit langem die besondere Note, die dieses Ereignis von faden Stadtfesten unterscheidet.
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Matz im zarten Alter von sieben Monaten. Es sollte noch viel Wasser die Elbe hinabfliessen, bis er sich zum charakteristischen Bartträger entwickelte und sein Konterfei uns inzwischen sogar auf Werbetafeln entgegenlächelt. Matz, Kurzform für Matthias, hielt es später durchaus für angebracht, gekrönte Häupter oder hochrangige Militärs durch sein geliebtes Dresden zu führen, als er dann mit beiden Beinen im Leben stand …
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Dresden und insbesondere Loschwitz, sein „Dorf“, ist für ihn ein „wundersamer Ort“ geblieben. Hier kennt er jeden Stein und als wandelnder Ortschronist erzählt er Geschichten und Schnurren so lebendig, dass man meint, er habe den Fotografen August Kotzsch oder Maler wie Ludwig Richter noch persönlich gekannt, die das Weinbauern- und Schifferdorf einst als Bleibe schätzten. Über den Fotografen von Loschwitz, Kotzsch, hat er einen ausgezeichnet recherchierten Bildband mit herausgegeben, der unter anderem eine fotografische Dokumentation über den Brückenbau des „Blauen Wunders“ enthält.
Als gelernter Landwirt und Multitalent in allen möglichen Berufen (Verkäufer und Lagerarbeiter, Kabarettist und Barkeeper) hätte Matz Griebel es sich nicht träumen lassen, nach der Wende das Dresdner Stadtmuseum im Landhaus zu leiten und es mit seinen Dependancen wie dem Kügelgenhaus und dem Kraszewski-Museum so auszubauen, dass man auf diesem breit gefächerten Fundament weiter arbeiten kann. Seiner Frohnatur ist es zu verdanken, dass die durch den Krieg und 40 Jahre DDR schwer gebeutelte Institution mit vielen Schenkungen bedacht wurde, so dass das Museum jetzt aus allen Nähten zu platzen droht.
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Dresdens neugeordnetes Stadtmuseum hat im ehemaligen Landhaus an der Wilsdruffer Straße sein Domizil. Über ein Jahrzehnt war „Matz“ Griebel hier Direktor. Das Landhaus wurde nach dem Siebenjährigen Krieg 1770 von dem Architekten Krubsacius erbaut. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es 1965 wieder aufgebaut und beherbergt eine reiche Sammlung von Sachzeugen, wie Gemälden, zur Geschichte Dresdens.
Warum liegt ihm an der sächsischen Geschichte beziehungsweise der Dresdener Geschichte so viel? „Es soll möglichst viel davon übrig bleiben. Mehr die Funken als die Asche der Vergangenheit. Wir können den unverzichtbaren Bestandteil unseres Erbes hinsichtlich der gegenwärtigen inneren Befindlichkeiten gut gebrauchen, damit wir nicht gesichtslos und geschichtslos untergehen. Der Blick nach vorn erfordert vor allem Rückbesinnung.“ Spricht’s und zieht dabei an seinem Glimmstengel. Erst am Abend lässt er sich sein Bier schmecken. dz
- 1937 als drittes Kind des Malers Otto Griebel in der Ostbahnstraße (die es heute nicht mehr gibt) geboren
- der bekannte akademische Maler, dessen Bilder von den Nazis als „entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden, war damals freischaffend.
- 1945 mit den Eltern, die in der Nicolaistraße (Nähe Fetscherplatz) wohnten, ausgebombt.
- 1951–1953 Ausbildung an einer landwirtschaftlichen Schule zum Landwirt.
- Danach Fachschule in Kamenz und in Zug: 1956 Staatsexamen als staatlich geprüfter Landwirt.
- Danach als Verwaltungslandwirt in Brandenburg und in Dresden tätig.
- Ab 1967 als Spieler und Texter bei der „Herkuleskeule“.
- In den 70er Jahren als Lagerarbeiter bei Eisen-Richter in Bühlau. Danach im Körnergarten als „Mädchen für alles“ oder als „Haus- und Hofhund“ beschäftigt.
- 1986 erste Buchveröffentlichungen – Stadtführungen und Vortragstätigkeit.
- 1990 Berufung zum Direktor des Stadtmuseums der Stadt Dresden.
- 2002 Pensionierung und Versetzen in den „Unruhestand“.
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