Ein Kindergarten ohne Dach und Wände
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aus: StadtBlick 11 | 2003
Der Dresdner Waldkindergarten
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Während es anderorts immer schwieriger wird, Kita-Plätze für die ganz Kleinen zu finden, gibt es rund um das Waldschlösschenareal eine ganze Reihe Kindergärten und -krippen, die mit unterschiedlichen Konzepten Zuspruch finden. StadtBlick hat sich umgeschaut und stellt eine ausgesprochen luftige Einrichtung vor.
„Jetzt könnt ihr wieder runterkommen!“ – Das Foto ist im Kasten, doch die drei „Räubertöchter“ klettern munter weiter in den Wurzeln des Baumes, der am Rand der Sandgrube in der Dresdner Heide steht. „Wollen wir aber gar nicht!“, krähen Miranda, Marlene und Emilie. Auch die anderen Kinder der Gruppe „Eichhörnchen und Eulen“ im Dresdner Waldkindergarten kraxeln die Hänge rauf und rutschen sie wieder runter, graben Wasserlöcher und bauen Sandburgen. Lauter bunte Dreckspatzen, dick eingepackt in wasserdichte Regenhosen und -jacken, alle mit einem signalroten Reflektorband um den Oberkörper. „Bärenhöhle“, so nennen die Kinder diesen Ort, wo unten ein kleines Rinnsal fließt und es sich so herrlich bauen und matschen lässt.
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„Das hier ist die Ritterburg und der Ritter bewacht Dornröschen in dem Schloss daneben“, erläutert Alma ihr neuestes Werk und Antonia-Jorinde ergänzt: „Und da ist die Schatzkammer mit ganz viel Gold drin!“ Sand, Blätter, Zweige und was es sonst alles im Wald gibt, sind das Baumaterial für Burgen und Schlösser. Spielzeug gibt es nicht. Einige Sandschaufeln, die die Kinder irgendwo gefunden haben, ein paar Tücher und Seile. Selbst diese wenigen Dinge gibt es nur auf Anfrage bei Kathlen Gasch, Leiterin des Waldkindergartens, oder bei Steffen Mihan, dem zweiten Erzieher der Gruppe.
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Wozu braucht man Bausteine, Playmobil, Puppen und all die vielen Sachen, wenn die Natur alles in Fülle bietet? So dachten Kathlen Gasch und zwei weitere Mitstreiter Mitte der neunziger Jahre, als sie die Idee zum ersten Dresdner Waldkindergarten ausbrüteten. Im Jahr 1997 fing eine Gruppe in der Dresdner Heide in der Nähe des Waldspielplatzes Albertpark an, inzwischen sind es zwei Gruppen mit jeweils 18 Kindern. Derzeit gibt es weitaus mehr Anmeldungen als freie Plätze.
Es ist ein windiger, regnerischer und kühler Oktobertag, und sofort drängt sich die Frage auf, was die Kinder denn bei Regen machen und im Winter, und ob das denn gesund sein kann. „Danach fragen immer alle zuerst“, schmunzelt Kathlen Gasch und erklärt geduldig, dass der Bauwagen als Rückzugsort beheizbar ist, dass es die beiden Gruppenräume in der städtischen Kita Am Jägerpark 7 gibt, dass sie auch mal Planen über den Schlafplatz spannen und dass die Kinder warm eingepackt und nicht öfter krank als andere Kinder sind, ganz im Gegenteil.
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So wild die Kinder auf den ersten Blick wirken, so geregelt ist der Tagesablauf im Waldkindergarten, und so wichtig sind Begriffe wie „Stille“, „Rücksichtnahme“ und „Behutsamkeit“. Morgens um 8 Uhr ist Treffen an der Haltestelle der Linie 11 an der Bautzner Straße. Die Gruppe wandert zu einem der festgelegten Orte, zum „Feenwald“, zum „Eichhörnchenkobel“ oder zur „Bärenhöhle“, dort, wo auch der Bauwagen steht, in dem man sich bei starkem Regen verkriechen kann. Es gibt einen Morgenkreis, es wird gesungen, Bewegungsspiele schulen die Motorik, Geschichten werden erzählt. Die Inhalte orientieren sich am Jahreslauf der Natur. So gibt es kein Weihnachtsfest, sondern eine Wintersonnenwende-Feier. Auch ist viel von Waldgeistern, Wichteln und Feen die Rede. Das kann leicht zu Missverständnissen führen – werden die Kinder etwa in heidnischen Ritualen erzogen? „Nein“, widerspricht die Leiterin und betont, dass sie auch christliche Kinder im Waldkindergarten hätten. „Für Kinder in diesem Alter ist die Natur beseelt. Feen und Wichtel helfen ihnen beim Verstehen und flößen ihnen auch Respekt vor der Natur ein.“
Die Natur nicht nur für das eigene Vergnügen zu benutzen, das muss immer wieder eingeübt werden. Die Kinder müssen alles miteinander aushandeln: Ist das Eichenblatt nun die Fahne der Ritterburg oder ein Baum für den Schlossgarten? „Ich habe nein gesagt und nein heißt nein!“ – das blonde Mädchen ist richtig energisch geworden. „In Ordnung“, meint der Junge und zieht sich zurück. Jetzt ist Abschlusskreis, die Kinder verabschieden sich von ihrem Spielplatz und bedanken sich beim Wald. Das warme Mittagessen wird täglich von einem Vollwertrestaurant geliefert. Natürlich schlafen die Kinder auch draußen, auf Isomatten im Schlafsack – nur wenn es gar zu kalt wird, kuscheln sich alle im Bauwagen zusammen. Die Kinder kennen aber nicht nur die Heide. Sie besuchen das ökologische Gut Gamig, besondere Bäume, wie die tausendjährige Eiche in Schlottwitz, und gehen in der Sächsischen Schweiz klettern. Im Frühjahr geht es für zwei Wochen in die „richtige“ Schweiz. Auch die Kultur kommt nicht zu kurz: Theater- und Museumsbesuche sind auch für Waldkinder selbstverständlich. „Wir haben sogar für diese Dinge mehr Geld, da unsere laufenden Kosten viel geringer sind“, erläutert Kathlen Gasch.
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In Zukunft möchte sie Kinder mit Sprachbehinderungen oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) aufnehmen. Sie ist überzeugt davon, dass das Konzept diesen Kindern helfen könnte. „Wir hatten mal einen hyperaktiven Jungen da, dem hat der Wald richtig gut getan!“ Plötzlich kommt die fünfjährige Miranda angelaufen und singt zum Abschied das Lied von der dicken Regenwolke vor – die plötzlich nicht mehr so bedrohlich wirkt.
Krippen, Kindergärten und Horte rund ums Waldschlösschenareal (Auswahl)
Kindertagesstätte „Hirschzwerge“
Am Jägerpark 8, 01099 Dresden, Tel 03 51/8 03 01 02
7 Krippenplätze, 13 Kindergartenplätze
Waldorfkindergarten
Heideparkstraße 6, 01099 Dresden, Tel 03 51/8 04 60 26
54 Kindergartenplätze
Kindertagesstätte „An der Dresdner Heide“
Radeberger Straße 92, 01099 Dresden, Tel 03 51/8 04 16 17
66 Kindergartenplätze, 6 Schulhortplätze
Die Datenbank der Stadt Dresden führt insgesamt zwölf Kindertageseinrichtungen für das Gebiet auf, darunter auch Einrichtungen für behinderte Kinder. Unter www.dresden.de (Rubrik „Leben, Arbeiten und Wohnen“/Kinder) ist die Datenbank im Internet zu finden.
Informationen
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Dresdner Waldkindergarten
Am Jägerpark 7, 01099 Dresden
Tel 01 71/3 62 13 14
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Text: Gundula Schmidt-Graute | Fotos: Ralf U. Heinrich
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