|
aus: StadtBlick 4 | 2001
 |
Hier bin ich wieder – der „Bogenschütze“. Sie wissen ja aus den bisherigen „Stadtblicken“, dass ich 1902 an den Standort Neustädter Elbufer gesetzt wurde und von dort meine scharfen Pfeile in Richtung Rathaus schieße. Wobei mir Sachsen een gemietliches Volk sind, wenig bleffern und nur e bissel gieksen, kaum tickschen, uns nur ieber andre Leute erlustieren. Sicher haben die Schwaben, Bayern, Berliner und Südschweden unter uns wieder nicht verstanden, was ich in „Hochsäggssch“ laberte. Niwwer? (Nicht wahr?) Deshalb lädt jetzt auch in Dresden die Sprachschule D.C. School zu Schnellkursen „Säggsch for de Wessis“ ein. Lehrer ist seine Majestät August der Starke. Das Holiday Inn Hotel veranstaltet sogar Sprachreisen, unter anderem mit Säggsschem Aambrood, Kurs, Zertifikat und Literatur.
Diese Kurse sollten Investoren und Stadtpolitiker gemeinsam besuchen, um sich besser zu verstehen. Dann würde vielleicht die Stadt nicht auf 120 Millionen Miesen am Wiener Platz sitzen! Wer macht da was falsch, dass keiner die Grundstücke kaufen will und andere wieder abspringen? Woanders reißt man sich um die Flächen, wie am Neumarkt.
Dass in der Staatsregierung und im Rathaus zu viele Nichtsachsen rummährn kann auch nicht sein. Schon als 1806 französische Truppen Dresden besetzten und Sachsen ein Königreich von Napoleons Gnaden wurde, als 1813 der russische Fürst Nikolai Grigorjewitsch von Repnin-Wolkonski als Generalgouverneur ein Jahr lang Sachsen regierte, oder 1814 die preußische Verwaltung begann, blühte die Stadt weiter auf. Sachsens Krone trat 1815 die Hälfte ihres Territoriums an das Königreich Preußen ab, und die Medizinische Akademie entstand noch im gleichen Jahr. Also, es geht doch mit den Fremden!
Offensichtlich wollen die Eingereisten mehr zu sagen haben, als nur ihr Geld auf den Tisch zu legen. Sie wollen vor allem genauer wissen, wie Dresden im Jahre 2010 oder gar noch zehn Jahre später aussieht. Weil ihm das die Stadt nicht sagen konnte, ist vielleicht auch jener Hamburger wieder die Elbe abwärts geschippert, der hinter dem Karstadt ein Design-Kaufhaus bauen wollte. „Macht nichts!“, ist aus dem Rathaus zu hören.
„Da bauen wir halt selbst – oder genauer – lassen uns ein neues ‚Technisches Rathaus’ bauen.“ Jetzt im Sommer soll es losgehen, und bis 2003 hat die Verwaltung dann 16.500 Quadratmeter Verwaltungsfläche für sich. Einen Mietpreis von 17,95 DM säuselt der Wind. Und weil ja (leider?) nicht mehr Mitarbeiter eingestellt werden dürfen, ziehen die aus der Hamburger Straße in das schöne neue Haus. Und damit der „Ring der Dresdner Ratsherren“ komplett wird, werden die Damen und Herren aus dem jetzigen Sozialrathaus in der Riesaer Straße auf der Hamburger Straße einquartiert. Und der Bau in Pieschen?
Bleibt leer. Dort hatte ja der Vermieter „nur“ 14,80 DM verlangt, wenn der Vertrag durch die Stadt verlängert würde. Mit leeren Büroflächen haben die Dresdner von heute ja genügend Erfahrung.
Oder? Wir machen eine Schule daraus, eine die „Säggsch for de Wessis“ lehrt. Mit diesem Unterricht müssten einige Dutzend Klassen gefüllt werden, denn offensichtlich sitzen auch in den Verwaltungen noch viele, die „Sächsisch“ nicht verstehen.
Text: Heinz Ruhnau | Foto: Sylvio Dittrich
|