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Waldschlösschenareal Dresden   Mittwoch, 07. Januar 2009 
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Machd doch eiern Drägg alleene

aus: StadtBlick 3 | 2000

Hier bin ich wieder – der „Bogenschütze”. Sie wissen ja aus dem letzten „Stadtblick”, dass ich 1902 an den Standort Neustädter Elbufer gesetzt wurde und von dort Pfeile in Richtung Rathaus schieße. Es sollen scharfe Pfeile sein.
Heute komme ich allerdings ausgesprochen versöhnlich zu Ihnen. Ich will schließlich im Juni 2001 etwas, was Sie nur einmal haben – Ihre Stimme. Jawohl, ich habe mich entschlossen, für das Amt des künftigen Oberbürgermeisters zu kandidieren. Und Ihnen kann nichts besseres passieren, als mich auf den Stuhl des ersten Bürgers der Stadt zu heben!
Eigentlich hätte ich ja schon 1918 zugreifen sollen, als unser letzter Sachsenkönig Friedrich August III. den legendären Satz aussprach: „Machd doch eiern Drägg alleene!” Aber da war ich erst 16 Jahre alt und noch nicht wahlberechtigt. Am 13. November 1918 hatte der letzte Sachsenkönig nach 829-jähriger Macht des Hauses Wettin die Krone abgegeben.
Damals stand auch nicht die Frage nach einem neuen Oberbürgermeister. Bernhard Blüher hatte das Amt 1915 von Gustav Otto Beutler übernommen und machte die Stadt bis 1931 fünfzehneinhalb Jahre lang zu einer pulsierenden Metropole. Im Andenken an diese beiden großen Stadtväter ließen die Dresdner Bürger zwei Parks errichten. Ob es allerdings jemals einen „Wagnerpark” geben wird, möchte ich dagegen bezweifeln.

Aber zurück zur Wahl im neuen Jahrtausend. Es ist schon bemerkenswert, wie sich die potentiellen Newcomer zerfleischen. Da gibt es den Druckereibesitzer, der gerne die gesamte Opposition auf seine Seite ziehen möchte. Vielleicht denkt er an den Ausspruch des französischen Staatsmanns Charles-Maurice de Talleyrand-Perigord: „Opposition ist die Kunst, so geschickt dagegen zu sein, dass man später dafür sein kann.” Auch Dresdens First-Lady einer anderen Partei möchte gerne, und dann ist da noch der „Schattenmann” im Spiel, der das OB-Amtszimmer als 1. Mann der Stadt bereits kennt.
Warum muss man eigentlich als Stadtoberhaupt zu einer Partei gehören? Sollte nicht viel mehr einzig und allein Kompetenz, Wissen, Erfahrung, Durchsetzungsvermögen, natürlich auch Image und Charisma eine Rolle spielen. Da bin ich doch als Bogenschütze der Richtige. Sehen Sie doch nur meine Spannkraft und die klare Linie meines Körpers!
Was wären meine ersten Taten? Etliche Teile von Behörden würde ich für ein Jahr schließen und hinterher fragen, ob es irgend jemand gemerkt hat. Der deutsche Politiker Helmut Frahm hat mich dazu beraten. Dann würde ich die Stäbe von Beratern auflösen. Der englische Komiker Roy Kinnear hatte nämlich Recht mit seiner Meinung: „Ein Berater ist jemand, der dir deine Armbanduhr wegnimmt, um dir zu sagen, wie spät es ist.”
Ich verspreche auch, immer die Wahrheit zu sagen, wenn auch Georg Bernard Shaw meint, dass es für einen Politiker gefährlich sei. Die Leute würden sich daran gewöhnen können, die Wahrheit hören zu wollen.
Mein Wahlkampf hat begonnen. Dabei will ich meine Konkurrenten bis zum Wahltermin nur loben. Sigmund Freud meinte nämlich richtig: „Gegen Angriffe kann man sich wehren, gegen Lob ist man machtlos!”

Text: Heinz Ruhnau | Foto: Sylvio Dittrich



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