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Waldschlösschenareal Dresden   Dienstag, 06. Januar 2009 
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Die Dresdner Jahre des Russischen Präsidenten

aus: StadtBlick 2 | 2000

Wladimir Putin lebte von 1985 bis 1990 am Waldschlösschen

„Aber schon die ersten Worte offenbarten eine innere Stärke, die mich in den Bann zog.”
(„Aus erster Hand” Gespräche mit Wladimir Putin, Wilhelm Heyne Verlag, München)

6. Dezember 1989: Der Nikolaus kommt zu den Kindern. In diesem Jahr beschert er reicher als früher. Vor kurzem fiel die Mauer, und die Muttis und Vatis dürfen in den Westen fahren. Viele machen davon Gebrauch, denn schließlich gibt es pro Nase 100 Mark Begrüßungsgeld. Damit konnte für den Nikolaus endlich aus dem vollen geschöpft werden. Die so Beschenkten waren glücklich und interessierten sich nicht allzu sehr dafür, was an diesem Tag noch passierte. Gleicher Tag, Nikolaus 1989: Vor dem Stasi-Komplex auf der Bautzner Straße hatten sich knapp 100 Bürger versammelt und stürmten die Zentrale, von der aus sie 40 Jahre lang bespitzelt wurden. „Wir sind das Volk” auf den Lippen bewiesen sie nach den Montagsdemos ihre Stärke. Den „Hausherren” flatterte der Frack. Viele von ihnen hatten sich ohnehin nicht mehr hingetraut. Nachdem das Gröbste gesichert war und Wachen zurückblieben, zog eine Gruppe auf die andere Straßenseite, in die Angelikastraße 4.

Angelikastraße 4 (Foto: Sylvio Dittrich)

„Ich bin Soldattt bis zum Toddd”

Hier befand sich das Dresdner Hauptquartier des sowjetischen Geheim-dienstes KGB. Das Tor zum Vorgarten ist offen, aber vor dem Aufgang stehen zwei Soldaten mit vorgehaltener Kalaschnikow. Daneben ein Mann in Zivil mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Der Sprecher der Bürgerbewegung versucht ein vermittelndes Gespräch. Der Zivilist spricht gut deutsch, gibt sich als Dolmetscher aus und sagt mit leichtem Akzent, aber sehr bestimmt: “Ich bin Soldattt bis zum Toddd!” Eingeschüchtert zog die Gruppe ab. Dieser Mann – Wladimir Putin – wurde gut zehn Jahre später zum Präsidenten der Russischen Föderation vereidigt.

In Dresden begann Putins Aufstieg

Wladimir Putin erblickte am 7. Oktober 1952 in Leningrad das Licht der Welt. In Dresden feierte man den dritten Geburtstag der DDR. Sein Vater war Schlosser. Der Großvater stand den Mächtigen des Staates sehr nahe, bereitete als Koch die Speisen für Lenin und später für Stalin. Schon als 16-jähriger wollte „Wolodja” Geheimdienstler werden, studierte aber zunächst in seiner Heimatstadt Rechtswissenschaft. Erst 1974, gegen Mitte des vierten Semesters, erfüllte sich sein Wunsch und er bekam einen Job im KGB angeboten. Ein Jahr später feierte der fertige Jurist den 23. Geburtstag und begann seine Karriere im gefürchteten Hochhaus am Litejnyj Prospekt, dem Sitz des KGB. Zehn Jahre später wurde der 33-jährige Putin zum Auslandseinsatz nach Dresden beordert. Das war zwar nur „Provinz”, denn die Hauptmannschaft der sowjetischen Auslandsaufklärung mit 1.000 Mann in der DDR, saß in Berlin. Sogar die „Tagesschau” vom Westfernsehen gab es hier einen Tag später – als Kassette aus Berlin.
Die Dresdner KGB-Abteilung wurde mit acht Geheimdienstlern geführt, und die hatten auch noch Leipzig „zu versorgen”, wo die Arbeit der deutsch-sowjetischen Freundschaft überwacht wurde.

Putin ganz in Familie mit den Töchtern Mascha und Katja
(„Aus erster Hand” Gespräche mit Wladimir Putin, Wilhelm Heyne Verlag, München)

Katja wurde in Dresden geboren

Wenn Putin in Dresden auch den Auftrag hatte, Kontakte zu knüpfen, Menschen kennenzulernen und ihnen das Vertrauen einer Freundschaft zu geben, die Familie hielt er stets aus den dienstlichen Verpflichtungen heraus. Ljudmila Putina war in der Dresdner Wohnung ganz für ihre Mädchen da. Mascha wurde 1985 in Leningrad geboren, aber Katja war ein Jahr später schon eine waschechte Dresdnerin.

Ljudmila Putina ist „Wassermann” vom Sternbild her. Sonst aber eine Klassefrau von den kleinen Locken bis zur Sohle. Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 1958 in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg geboren, arbeitete sie Anfang der 80er Jahre als Stewardess bei einer sowjetischen Fluglinie. Das begonnene Ingenieurstudium hatte sie vorher ge-schmissen. Es war ihr zu trocken. An einem freien Wochenende reiste sie mit einer Freundin nach Leningrad und wollte am Abend ins Theater. An der Kasse waren alle Karten ausverkauft, aber dort stand ein ärmlich gekleideter junger Mann und hatte zwei Karten abzugeben. Irgendwie „funkte” es zwischen den Beiden noch an diesem Abend. Ljudmila kann sich noch gut an diesen Tag erinnern und verriet Journalisten: „Ich fand ihn auf den ersten Blick unansehlich, und normal auf der Straße hätte ich ihn sicher überhaupt nicht beachtet. Aber schon die ersten Worte offenbarten eine innere Stärke, die mich in den Bann zog.”

Putin verschwieg ihr zunächst seinen wahren Beruf, sprach von einem Job bei der Kriminalpolizei. Als später dann die Wahrheit mit der Auslandaufklärung beim KGB zur Sprache kam, war ihr das egal. Am 28. Juli 1983 heirateten beide und zogen zunächst zu Wladimirs Eltern, in eine winzige 27 Quadratmeter große Zweizimmer-Wohnung. Ljudmila konnte ihr Romanistikstudium in Leningrad als junge Mutti erfolgreich abschließen. Die Gratulation zum bestandenen Examen kam per Telegramm aus Dresden. Darin stand auch die Nachricht, dass Wladimir eine Zweieinhalb-Zimmerwohnung in der Radeberger Straße 101 bekommen hat, und dass man jetzt nach dem Dienst ganz in Familie sein könne. Aus der Freude über den neuen Luxus ist dann Katja entstanden.

Alles ist so sauber

Ljudmila gefiel es in Dresden. Alles wäre so sauber, die Fenster geputzt. Auch das Angebot in den Lebensmittelgeschäften wäre besser als zu Hause. Sie kochte leidenschaftlich gerne und überraschte ihren Mann oft mit kulinarischen Schmeckerchen. Manchmal konnte sie allerdings nicht alle Zutaten im Konsum oder in der HO bekommen. Aber da gab es ja noch das „Magazin” in der Kaserne, wo die sowjetischen Staatsbürger mit einem Passierschein einkaufen durften. Kleinigkeiten gab es sogar wenige Schritte weiter, an der Ecke Radeberger/ Waldschlößchenstraße. Dort wo heute ein Italiener zu Pasta einlädt und ein Whisky-Store sein Hochprozentiges verkauft, war damals ein kleiner Eckladen. Es gab Halberstädter Würstchen, Radeberger Bier und echten Bienenhonig. Konnte man mit der Verkäuferin Russisch sprechen, wurde man auch als Dresdner bedient. Kontakt zu den „normalen Dresdnern” hatte Ljudmila kaum. In den Nachbarhäusern lebten Stasifamilien und in die Stadt kam sie sehr selten, und dann auch nur mit ihrem Mann. Trotzdem war sie kein Kind von Traurigkeit, und mit den Nachbarn wurde oft gefeiert.

Erholung beim Tischtennis
(„Aus erster Hand” Gespräche mit Wladimir Putin, Wilhelm Heyne Verlag, München)

Familienglück in der „WBS 70-Platte”

„Unser Heim in Dresden war ein großes Gebäude mit zwanzig Aufgängen”, erinnert sich Putin gegenüber russischen Journalisten. Die Zweieinhalb-Raum-Wohnung war einfach ausgestattet. Vor allem aber war sie günstig gelegen: nur fünf Minuten zu Fuß sind es zum Sportplatz am Jägerpark. Hier spielte er regelmäßig mit den deutschen Kollegen der Stasi Fußball.
„Morgens brachte Wolodja unsere Mascha zunächst in den Kindergarten. Der befand sich unmittelbar unter dem Fenster unserer Wohnung. Dann nahm er Katja mit. Vom Fenster seines Büros konnte er ihr in der Kinderkrippe zuschauen. Zum Mittagessen kam er immer nach Hause”, kann sich Ljudmila erinnern.

Das Wohngebiet auf der Radeberger Straße heute. (Foto: Sylvio Dittrich)

Die „Putin-Ecke” in der Bierbar „Am Thor”

Ein Kneipengänger war Putin nicht. Eher traf er sich mit den anderen Kollegen zu Hause. In der Gaststätte „Am Thor” am Albertplatz, der damals noch den Namen „Platz der Einheit” trug, war Putin allerdings manchmal zu sehen. Er saß immer an einem Ecktisch und plauderte mit den Gästen. Dabei gab er sich als Student oder Ingenieur aus. Der Wirt kann sich an ihn erinnern, ist aber sehr karg mit seinen Auskünften. Auch ein Gast (wir nennen ihn „U.”, weil er seinen Namen nicht nennen will) traf sich öfter mit ihm. „Betrunken war er nie, sprach auch kaum über Politik, sondern über ‚Gott und die Welt’. Wir erzählten sogar Witze, und an russischen Feiertagen holte er eine Flasche Wodka aus seiner Tasche und ließ sie kreisen. Als aber Gorbatschow in der Sowjetunion die Antialkoholkampagne proklamiert hatte, goss er sein Glas immer in einen Blumentopf”, erzählte U. dem „Stadtblick”.

Gut drei Liter Bier pro Woche

Das Radeberger Bier hatte es dem Russen allerdings angetan. „Wir fuhren regelmäßig nach Radeberg, wo sich eine der besten Bierbrauereien Ostdeutschlands befindet”, erinnert sich der Präsident noch heute. „Ich nahm ein Drei-Liter-Maß. Das Bier wird hinein gegossen, und dann drehst du den Hahn auf und trinkst wie aus einem Fass. Und so trank ich jede Woche gut drei Liter Bier.”
Während die Putins in Dresden den Arbeitsalltag erlebten, führten die Ausflüge vor allem in die vielfältige und reizvolle Umgebung. Ljudmila Putina schrieb nach Hause: „An Feiertagen fuhren wir manchmal mit der ganzen Familie ins Grüne. Es gibt hier sehr viele hübsche Plätze in der Gegend um Dresden, wie zum Beispiel die Sächsische Schweiz, etwa 20 bis 30 Minuten von der Stadt entfernt. Mit unserem grauen ‚Lada’ sind wir schnell da.”

Wachturm des ehemaligen russischen Militärgebiets auf der Radeberger Straße
(Foto: Sylvio Dittrich)

Ein bisschen Heimweh nach Dresden

Im Frühjahr 1990 verließen die Putins Dresden und gingen wieder zurück nach Leningrad. Wladimir hatte bald seinen Job beim KGB gekündigt und leitete im Lensowjet ein Komitee für Auslandsbeziehungen. Kontakte zur Partnerstadt Dresden wurden seltener.
Der Tag, an dem ihr Leben völlig neu begann, der 31. Dezember 1999, als Boris Jelzin überraschend die Regierungsgewalt in Russland an Wladimir Putin übergab, ist in vielen Details genau beschrieben. „Vom ersten Mann im Staate. Gespräche mit Wladimir Putin” heißt das Werk, in dem Ljudmila unter anderem sagt: „Ich will keine der sogenannten ‚First Ladys’ sein. Mich muss man nicht auf Händen tragen. Im übrigen habe ich damals den ganzen Tag geweint, denn ich weiß, dass unsere Kinder ihren Vater jetzt häufiger im TV sehen als zu Hause. Ich habe sofort gewusst, dass mein Privatleben jetzt zu Ende ist. Die Jahre in Dresden werden immer zu den glücklichsten unseres Lebens zählen.”

Warnschilder auf dem damaligen Schießgelände (Foto: Sylvio Dittrich)

Text: Heinz Ruhnau



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