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Waldschlösschenareal Dresden   Samstag, 04. Februar 2012 
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Wenn der Verkehr verkehrt verkehrt

aus: StadtBlick 2 | 2000

Gestatten? Ich bin der Bogenschütze! 1902 von Ernst Moritz Geyger geklont. Als Zweitguss. Das Original steht im Park von Potsdam-Sanssouci. Während jedoch mein brandenburgischer Bruder seine Pfeile ziellos umher schießt, kann ich vom Neustädter Elbufer direkt zum Rathaus zielen. Künftig hab’ ich im Stadtblick die Kommunalpolitiker in der Schusslinie. Mit manchen ist es ja oft wie in einem Konzert: Ungeübte Ohren halten schon das Stimmen der Instrumente für Musik! Und schon zu meiner Zeit griffen manche von ihnen zu falschen Noten.

Reden wir heute einmal über den Verkehr in unserer Stadt. Ich meine – auch zu meiner Zeit ist man schon verkehrt. So gesehen hat sich kaum etwas verändert. Natürlich auf den Straßen. Zu meiner Zeit gab es zwar schon Autos, das erste wurde ja 1886 von Karl Benz der Öffentlichkeit vorgestellt und ab 1893 gar in Serie produziert.

Kein Vergleich zu heute. 238.489 Dresdner Kraftfahrzeuge haben die Rathausbeamten bis Ende vergangenen Jahres gezählt. Ihnen stehen „sagenhafte” 8.000 Parkplätze in der Innenstadt zur Verfügung. Kein Wunder, dass sie immer rollen müssen. Beim Stehenbleiben wäre das Chaos noch schlimmer.

Apropos „Chaos”! Die Stadtpolitiker wissen es mit immer neuen Verkehrskonzepten zu beleben. Schließlich heißt ja „Chaos” (aus dem Griechischen) nichts anderes als „Auflösung aller Ordnungen”. Es dauert nur heute wesentlich länger, die Ordnung auch festzuschreiben. Konnte die Bibel für die zehn Gebote Gottes mit 279 Worten auskommen, reichten für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 Wörter, so mussten für die „Verordnung der europäischen Gemeinschaft über den Import von Karamelbonbons” exakt 25.911 Wörter geschrieben werden. Wieviel da erst notwendig sind, um festzulegen, wie in Dresden nicht verkehrt im Verkehr verkehrt wird?! Schließlich gibt es wesentlich mehr Verkehrsteilnehmer als Karamelbonbonesser!

Erschwerend kommt hinzu, dass man auch nicht auf die Erfahrungen aus meiner Zeit zurückgreifen kann. Hätte es nämlich 1879 schon Computer gegeben, würden diese vorausgesagt haben, dass man infolge der Zunahme von Pferdewagen im Jahre 2000 im Pferdemist ersticken würde. Heute haben wir superschnelle Computer. Welche Tragödie, wenn sie Dinge voraussagen, die sich noch in der Amtszeit von Stadtpolitikern als falsch erweisen würden! Wenn im Verkehr beispielsweise die Radfahrer total die Gehwege erobert haben und die Radwege verweisen. Wenn die 8,2 Millionen Mark, die von der PDS-Fraktion für Ausbesserungsarbeiten an den bestehenden Radwegen gefordert werden, gar nicht mehr nötig sind?

Manchmal frage ich mich auch, mit welchem Computer-Programm die Einengungen von Straßen berechnet wurden? Da staut es sich schöner. Die Werbebranche jubelt, denn jedermann hat mehr Zeit, die Werbetafeln zu studieren. Oder wurde die Strömungslehre nur schöpferisch umgesetzt? Einengungen erhöhen den Druck. Und der muss auf manche Amtsstuben stärker werden.

Da ziele ich doch meine Pfeile lieber auf andere Dinge, auf die Hundeleinen oder den Rummel mit dem Rummel beispielsweise. Die Geschichten von den neuen „Brückenmännchen” kann ich genauso ins Visier nehmen, wie die Sorge, ob unser Geld bei einer Stadtsparkasse oder einem landesweiten Sparkassenverbund besser vermehrt wird. In all diesen Belangen ist man in den Rathausstuben schon viel weiter. Aber letztlich brauchen wir uns um den Verkehr in unserer Stadt doch keine Sorgen zu machen. Die Stadtpolitiker haben nämlich alle Probleme fest im Griff. Sie bekommen sie nur nicht wieder los.

Text: Heinz Ruhnau | Foto: Sylvio Dittrich



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