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Waldschlösschenareal Dresden   Mittwoch, 07. Januar 2009 
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Dichterin mit Pinsel

aus: StadtBlick 7 | 2002

Die Angelikastraße in der Dresdner Neustadt

Von der Bautzner Straße steigt die verhältnismäßig kurze, aber dafür mit noblen Villen bebaute Straße sanft bis zur Heideparkstraße an. Entstanden um 1900 – teilweise noch mit Elementen des Jugendstils und Historismus geschmückt – gehörten diese Häuser bis zur Wende zum militärisch gesicherten Bereich und waren teilweise sogar in der Hand des sowjetischen Geheimdienstes. So versah der heutige russische Präsident Wladimir Putin in der Hausnummer vier für einige Jahre seinen Dienst. Es könnte durchaus sein, dass er, der Heines Gedichte gut kannte, auch ein Bild der Namensgeberin in der Gemäldegalerie Alte Meister bei einem seiner Besuche betrachtet hat. War es doch durchaus üblich, dass die sowjetischen Militärangehörigen während ihres Aufenthaltes in der DDR kulturelle Exkursionen unternahmen.

Wer aber war nun Angelika, die wie Clara (Schumann) zu den bekannten weiblichen Persönlichkeiten ihrer Zeit zählte, wirklich? 1741 wurde sie als einzige Tochter des Malers Joseph Johann Kauffmann im schweizerischen Kanton Graubünden (in Chur) geboren und stand schon bald durch ihre frühzeitig auftretende zeichnerische Begabung im Ruf eines Wunderkindes. Goethe war gerade erst drei Jahre alt, als sie mit dem Porträt eines Bischofs die öffentliche Bühne des gesellschaftlichen Lebens betrat. Um 1754 setzte sie in Mailand ihre Ausbildung – besondere Fertigkeiten entwickelte sie im Kopieren großer Meister – fort. Nach mehreren Reisen, die sie u. a. nach Mailand und Florenz führten, traf sie 1763 in Rom ein. Inzwischen hatte sie ihr Selbstbildnis für die Uffizien in Florenz gemalt und war sogar Mitglied der Akademie von Florenz geworden. Damit lag es nahe, dass sie in Rom die Bekanntschaft des deutschen Altertumsforschers Winckelmann machte, den sie auch porträtierte. Von Rom aus unternahm sie Reisen nach Neapel und Venedig. In der Lagunenstadt lernte sie eine englische Lady kennen, die sie 1766 nach London einlud. In die nun folgenden 15 Jahre ihres Aufenthaltes auf der britischen Insel fallen ihre größten Erfolge. Sie verkehrt am Hof und wird vom Adel reichlich beschäftigt.

Obwohl gesellschaftlich anerkannt und erfolgreich, erleidet sie privat durch eine gescheiterte Ehe mit einem Hochstapler Schiffbruch. Kurz darauf heiratet sie den weit älteren Maler Antonio Zucchi, der ebenfalls mit Bildern in der Dresdner Galerie vertreten ist, und verlässt 1781 mit ihm London, um sich dann mit ihm gemeinsam in Rom niederzulassen. Bekannt durch ihre geistig wie menschlich anregende Häuslichkeit wird ihr Wohnsitz zum Anlaufpunkt für prominente Gäste aus ganz Europa, darunter auch Fürsten, wie Kaiser Josef II. oder die Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar. Mit vielen Rom-Reisenden pflegte die Kauffmann enge Kontakte. Kaum verwunderlich, dass sie auch die Dichter Goethe und Herder, aber auch den Maler Tischbein gut kannte und mit diesen korrespondierte.

In ihrer Bedeutung als große Malerin bleibt sie in der Kunstwissenschaft umstritten. Künstlerisch gehört sie ohne Zweifel zu den Übergangsmalern des Rokoko, beeinflusst von den Strömungen der zeitgenössischen Literatur, ohne in ihrer Formensprache den Übergang zum Klassizismus zu vollziehen. In der Wahl ihrer Stoffe war sie neben religiösen, allegorischen sowie antiken und romantischen Themen keinesfalls zimperlich. Beim Porträtieren entwickelte sie eine Geschäftigkeit, die sie vor allem bekannt machte: So wurden beispielsweise die historischen Gemälde mit Figuren in natürlicher Größe mit 120 Zechinen pro Hauptfigur veranschlagt. Auch der Tarif beim Porträtieren stand fest. Die Hälfte des Preises war nach der ersten Sitzung, die andere nach Vollendung des Bildes zu zahlen.

Johann Wolfgang von Goethe urteilte über sein Bildnis, das die Kauffmann 1787 von ihm malte: „Es ist immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir.“ Allerdings verband die beiden eine Freundschaft, von der immerhin zwölf Briefe Angelikas an ihn und weit mehr Briefe Goethes an sie bekannt sind. Und der ältere Herder, schon etwas kahlköpfig, schrieb seiner Gattin begeistert nach Weimar: „Vorigen Sonntag hab ich bei Madame Angelika gesessen, morgen sitze ich wieder; der erste Ausblick des Bildes hat mich sehr gefreut, und überhaupt ist Angelika jetzt meine einzige Trösterin in Rom.“ Herder hat die Malerin, deren Werke in bedeutenden europäischen Galerien vertreten sind, „Dichterin mit dem Pinsel“ genannt. Der schlichte Straßenname lässt das Phänomen Angelika, die heute sicher eine berühmte Korrespondentin eines gehobenen Boulevardblattes geworden wäre, kaum ahnen.

Text: Dieter Zumpe | Foto: Ralf U. Heinrich



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